Stilli unterscheidet sich in zweierlei Beziehungen von allen übrigen Gemeinden des Kantons: Zum einen beschränkt sich sein Gemeindebann auf einen 25 bis 210 Meter breiten, aber fast drei Kilometer langen Streifen entlang der Aare; das Flussbett allein nimmt 38% der ohnehin kleinen Gesamtfläche von nur 57 Hektaren ein. Zum andern existiert Stilli als Gemeinde erst seit dem 15. Jahrhundert; es wurde, ähnlich wie im Mittelalter die Städte, durch einen politischen Entscheid des Landesherrn auf Schenkenberg gegründet.
 
Beides - der kleine Gemeindebann wie die späte Entstehung - hängt mit den besonderen wirtschaftlichen Lebensbedingungen seiner Bewohner zusammen: das wenige Land konnte sie unmöglich ernähren; so waren sie in erster Linie auf den Fluss als Existenzgrundlage angewiesen. Es war um 1450, als fünf Siedlungspioniere und ihre Nachkommen von der Obrigkeit das ausschliessliche Fähre- und Fischereirecht zwischen Brugg und dem Schmidberg (oberhalb Beznau) erhielten, dazu die Bewilligung für eine Taverne und eine Mühle. Zuvor hatte auf dem gegenüberliegenden Aareufer die Vorgängersiedlung Freudenau bestanden, mit Brücke, Burg, Gerichtsstätte und Gasthaus; diese war um 1410 zerstört worden; ihre Überreste wurden zwischen 1970 und 1982 durch archäologische Ausgrabungen freigelegt und konserviert.
 
Stilli trat somit die Nachfolge Freudenaus an: Seine Lage unterhalb des Zusammenflusses von Aare, Reuss und Limmat war für den Durchgangsverkehr besonders günstig, konnte man doch hier alle drei Flüsse auf einmal überqueren; so musste man auch nur einmal Gebühren bezahlen. Daher bestand an dieser Stelle während 450 Jahren eine Fähre, und zwar nicht nur für Personen, sondern auch für Kutschen, Fuhrwerke und ganze Viehherden.
 
Wegen der Zurzacher Messen war der Übergang besonders wichtig. - Mit der Zunahme der Bevölkerung gingen die Stillemer immer mehr auch auf die Längsschiffahrt über und beförderten Personen und Massengüter von Bern, Luzern und Zürich nach Laufenburg, vereinzelt sogar über Basel hinaus bis nach Holland. Im 19. Jahrhundert kam noch die Flösserei mit grossen Holztransporten dazu. Mit Schiffahrt und Fähre blühten Schmiede, Wagnerei und Schiffbau auf. Einzelne Bewohner betrieben stets auch die Fischerei, die besonders wegen des Lachsfangs bis zur Eröffnung des Kraftwerks Beznau von existentieller Bedeutung war. Daneben besassen die Stillemer - je nach sozialem Stand - mehr oder weniger Acker- und Wiesland, welches vor allem zur Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln und zur Fütterung des Viehs diente.
 
Heute weist Stilli nicht mehr solch grundsätzliche Unterschiede zu andern Dörfern auf. Bekanntlich erfolgte im 19. Jahrhundert die Verlagerung des Verkehrs vom Fuhrwerk und Schiff auf die Eisenbahn; die Flussverbauungen durch Elektrizitätswerke verunmöglichten zudem den Aufstieg des Lachses. Dies führte in Stilli zu einem Zusammenbruch der traditionellen Existenzgrundlage und damit zu Arbeitslosigkeit und Abwanderung, besonders der jungen Generation.
 
Die Zahl der Ortsbürger sank zwischen 1850 und 1900 von 379 auf 190 Ansässige. Die 1903 vollendete Brücke nahm auch den Fährleuten ihren Verdienst. Dafür brachte eine Zigarrenfabrik Fremde ins Dorf. Die Bevölkerung nahm aber erst in der Nachkriegszeit wieder wesentlich zu, vor allem in den Jahren 1973/74, als durch eine planerisch unbefriedigende Überbauung ein neues Quartier unterhalb des alten Dorfteils entstand. Dadurch hat sich die Struktur der Einwohnerschaft stark verändert:
Die Zahl der Ausländer, der Katholiken, der Kleinhaushalte vergrösserte sich, die alteingesessenen Familien (die Baumann, Finsterwald, Hirt, Lehner, Müller, Stilli und Strössler) gerieten in die Minderheit oder verschwanden in der Heimatgemeinde sogar ganz. Manche Zuzüger haben den Anschluss gefunden, sei es über einen Verein, die Feuerwehr, den Laden, die Schule, den Wirtshaustisch oder die Gemeindeversammlung.
 
Verschiedene Bräuche führen die Dorfbewohner immer wieder zusammen, so der 1. August, das Kinderfest und das Scheibensprengen, ein an die einstigen Flussgewerbe erinnernder Fasnachtsbrauch. Trotzdem fällt vielen «Fremdem» die Integration schwer; die meisten sind Pendler und arbeiten in den Regionen Brugg und Baden; für sie ist Stilli oft nur Schlafgemeinde; manche wollen sich hier gar nicht dauernd niederlassen, so dass der Wechsel in den Neubauten sehr gross ist.
 
An die besondere Vergangenheit erinnert eigentlich nur noch wenig. Die letzten Fischer, welche ihre Garne zogen oder Reusen leerten, sind gestorben. Die neuen gesetzlichen Bestimmungen haben die Weidlinge, in denen sich die Dorfjugend auf dem Fluss tummelte, zum Verschwinden gebracht. Alte Anziehungspunkte bilden noch die drei Wirtschaften, welche mit ihren Fischspezialitäten eine alte Tradition weiterführen. Und geblieben ist natürlich auch die traumhaft schöne Lage des Dorfes.



In der Gemeinde gibt es keine ansässigen Vereinsmitglieder

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